Du hast vielleicht noch nie von Brigitte Reimann gehört, aber am 21. Juli feiern wir den Geburtstag einer vergessenen Literatin, die es verdient, wiederentdeckt zu werden. Brigitte Reimann war eine beeindruckende Schriftstellerin, deren Werke in der DDR-Gesellschaft von großer Bedeutung waren. Ihre Geschichten erzählten von den Herausforderungen des Alltags und den Träumen und Hoffnungen der Menschen in dieser Zeit. Ihr Schreiben prägte eine ganze Generation und ihre Werke sind bis heute lesenswert.
Brigitte Reimann wurde am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg geboren und verbrachte einen großen Teil ihres Lebens in Hoyerswerda, einer Kleinstadt in der damaligen DDR. Obwohl ihre Karriere relativ kurz war – sie starb bereits mit 39 Jahren – hinterließ sie ein beeindruckendes literarisches Erbe. Zu ihren bekanntesten Werken zählen der Roman „Franziska Linkerhand“ und ihr Tagebuch „Ich bedauere nichts“, das posthum veröffentlicht wurde.
Brigitte Reimanns Leben begann als Träumerin
Schon früh erkannte sie die Grenzen der konventionellen Gesellschaft und sehnte sich nach einem Leben außerhalb der Normen. Sie suchte nach kreativen Ausdrucksformen, die ihre Individualität und rebellische Natur ausdrücken konnten. In der DDR, wo jeder Bürger mit den alltäglichen Herausforderungen kämpfte, gelang es ihr dennoch, sich einen Raum für ihre Ideen und Visionen zu schaffen.
Hunger auf Leben * Brigitte Reimann„Georg meint, ich könne, wenn ich den rechten Weg fände, eine zweite Seghers werden; ich könne aber auch, verfehlte ich den Weg, in glatter Mittelmäßigkeit landen … er will nicht, dass ich »linientreu« schreibe – ich soll meinen eigenen Weg gehen … Bücher schreiben, die nicht nur heute gelten, sondern auch später noch Bestand haben.“
Ihre Bücher waren nicht nur literarisch wertvoll, sondern auch politisch relevant. Brigitte Reimann schaffte es, die Stimmung und Atmosphäre der DDR-Gesellschaft einzufangen und kritisch zu beleuchten. Ihre Geschichten waren geprägt von einer aufrichtigen Darstellung der Realität und berührten die Herzen der Leserinnen und Leser. Sie war eine starke Stimme, die den Menschen eine Plattform bot, ihre Hoffnungen und Ängste auszudrücken.
„… und die an eine Große Sache glaubte und an einer Großen Sache zweifelte, sich nach fremden Ländern sehnte und nur die Nachbarschaft zu sehen bekam …“
Auszug aus Brief an ihre Freundin – siehe unten im Post
Ein weiterer wichtiger Aspekt ihrer Werke ist die Darstellung von weiblichen Erfahrungen und Beziehungen. Sie beschrieb das Leben von Frauen in der DDR und deren Kampf um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Ihre Protagonistinnen sind starke, selbstbewusste Frauen, die sich gegen gesellschaftliche Normen auflehnen und ihren eigenen Weg gehen.
Die erste große Biografie über die faszinierendste Autorin der DDR.
Wie aktuell wirkt aus heutiger Sicht dieses unangepasste Leben einer Schriftstellerin, die vielen als Femme fatale galt, vor allem aber eine moderne, selbstbestimmte Frau und vielseitige Autorin war. Während ihre Ehen scheiterten, hielt sie auch in schwierigsten Lebensphasen an ihrer schriftstellerischen Arbeit fest. Sie engagierte sich politisch und blieb sich doch stets treu gemäß dem Grundsatz: »nur nicht schweigen, nur nicht schweigend Falsches mit ansehen, und dadurch es billigen«.
Carsten Gansels umfassende Biographie liefert die spannende Neubewertung des Lebens einer Schriftstellerin in seinen Höhen und Tiefen und eines komplexen Werkes, das derzeit international entdeckt und gefeiert wird.
Aufbau Verlag; 1. Edition (18. Juli 2023)
ISBN-13 : 978-3351039646

Verfilmung ihres Romans: Hunger auf Leben in 2004 in den Hauptrollen Martina Gedeck, Kai Wiesinger, Ulrich Mühe, Heinrich Schmieder, Uwe Bohm und Martin Feifel.

„Sie sehnte sich nach Liebe und nach einem anderen Sozialismus. In der DDR konnte die Schriftstellerin Brigitte Reimann nicht glücklich werden. Amor und Psyche waren ihr näher als Hammer und Sichel und ihr eigenes Leben war ihr wichtiger als die Staatsräson.“ – Rainer Tittelbach arbeitet als TV-Kritiker & Medienjournalist
Dieser Artikel stammt von http://www.tittelbach.tv/programm/fernsehfilm/artikel-260.html
„Tut Kleingeist weh? Aber Sehnsucht, Sehnsucht tut weh. Dein Herz bleibt zurück als federleichter Stein, deine Ideale wispern als Windhauch in den Zweigen und fallen im Frühjahr als Kirschblüten herab.“
Hörspiel – Feature „Die Unvollendete“ * Ines Burdow
https://www.mdr.de/kultur/radio/ipg/sendung-826830.html


Premiere
02. November 2019
Deutsches Theater Berlin, Regie: Daniela Löffner
taz – Katharina Granzin, 06.11.2019
„Die trotz allem ungebrochene Kraft dieser Frau […] ist dabei in praktisch jeder Szene zu spüren; Morgeneyer leuchtet regelrecht.
Es ist eine Stärke von Löffners Bühnenfassung, immer wieder mit einfachen Mitteln und in klaren Bildern solche Verschiebungen oder Doppelungen der Perspektive zu zeigen.
Gleichzeitig zeugt Löffners Lesart von Respekt und Sensibilität gegenüber dem dramatisierten Werk. Das Ergebnis ist ein solider Theaterabend mit Längen, der Lust macht auf eigene Reimann-Lektüre.“
| Veralore Schwirtz war eine Schulfreundin von Brigitte Reimann, die mit ihr bis zum Jahr 1953 regelmäßig Briefe wechselte. Danach brach der Kontakt ab. Erst knapp 20 Jahre später, kurz vor dem Tod Reimanns, schrieb Veralore Schwirtz erneut an Brigitte Reimann. In der Antwort lässt Reimann ihr extremes Leben als eine „Lebensgeschichte“ Revue passieren: Jedoch änderte sich alles im Jahr 1953, als Veralore Schwirtz plötzlich und unerwartet aus Brigitte Reimanns Leben verschwand. Ihr plötzliches Verschwinden hinterließ eine tiefe Leere in Brigitte Reimanns Herzen und hatte einen starken Einfluss auf ihre Schreibmotivation. Ohne die ständige Unterstützung und kritischen Gespräche mit ihrer Freundin fühlte sie sich verloren und allein gelassen. Diese Abwesenheit drückte auf ihre Kreativität und beeinflusste ihre Motivation zum Schreiben. |
| Eine Lebensgeschichte, die sich vor drei Jahren noch gut und erfreulich angehört hätte; heute ist es eine Geschichte, über der stehen müßte: Es war einmal - Es war einmal eine höchst lebendige Frau, die zweimal ein Studium begann, zweimal den Hochschulen entlief, aus Rebellion gegen ihre Herren Lehrer, provisorisch Lehrerin wurde, während sie ihr erstes Buch schrieb (diese Frau am Pranger – Herrje, damals war ich beinahe noch ein Kind), eine Menge Männergeschichten hatte, eine Menge Dummheiten beging die sie bis heute nicht bereut viermal heiratete, kein Kind wollte was sie heute ein bißchen bereut -, weil sie Schreiben für wichtiger hielt, und die Kneipen und Luxusbars, Hinterhofwohnungen und die Villen der Prominenz kennenlernte; es war einmal eine Schriftstellerin, die zu früh und zu viel Erfolg hatte, manchmal hungerte und manchmal wahnsinnig viel Geld verdiente, einen Haufen Orden bekam und so ziemlich alle Literaturpreise, die hierzulande verliehen werden, an eine Große Sache glaubte und an einer Großen Sache zweifelte, sich nach fremden Ländern sehnte und nur die Nachbarschaft zu sehen bekam, Polen, Prag, Moskau und allerdings das herrliche unvergeßliche Sibirien, Baikalsee und die Taiga, und die in jungen Jahren verhaftet wurde und eingesperrt werden sollte, und die zehn Jahre später am Tisch von Walter Ulbricht Abendbrot aß, mal ganz unten und mal ganz oben war, mit berühmten Malern und Literaten verkehrte und als Hilfsschlosser in der Brigade im Braunkohlenkombinat arbeitete kurzum: es war einmal, und es war gut so, und auch das Schlimme und Dreckige war in seiner Art gut. Heute erinnern sich noch ein paar Leser, daß es mal eine B. R. gegeben hat; heute habe ich noch ein paar Freunde, auf die ich stolz bin, weil sie nicht nur zu den besten Schriftstellern unseres Landes zählen, sondern auch gütige Menschen sind (das geht nicht immer zusammen, wie ich früher dachte); heute schreibe ich unter Qualen an meinem ersten guten Roman, der wahrscheinlich auch mein letzter sein wird; [ ] sitze in einer Wohnung, die mit Tausenden von Büchern vollgestopft ist, mit kostbaren alten Möbeln und Uhren, sehe mich um und begreife allmählich, wie nichtig der Besitz ist, der uns einst besessen hat [ ]; heute gehe ich durch die Straßen, wo mir die jungen Männer nachpfeifen, wo die Leute spazieren, die so unverschämt, so beneidenswert gesund sind, trage einen Mädchenkörper mit mir herum und spüre bei jedem Schritt, wie dieser Körper von innen her zerfällt, wie der Tod geräuschlos und unaufhaltsam in den Wirbeln frißt, und während ich grüße und lächele, möchte ich brüllen vor Verzweiflung, diesen gesunden Menschen zuschreien, wie ungerecht es ist, wie entsetzlich ungerecht. |
| (aus einem Brief an Veralore Schwirtz, 30.03.72) |





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