„Was soll ich dir über heute erzählen? Der Tag schaut aus wie jeder andere. Oben ist der Himmel, unten die Erde.“
Mit einer lakonischen, schwebenden Tonalität beginnt Abglanz – ein Roman, der weniger erzählt wird, als dass er spricht. Und zwar im wahrsten Sinne: Die Protagonistin Selin Zwingli führt ihr Tagebuch nicht schriftlich, sondern als Sprachnachrichten an sich selbst. Ein brillanter Kunstgriff, der eine ungewöhnliche Form von Nähe erzeugt, eine Rohheit, die sich nicht herausputzt.
Selin spricht, bevor sie denkt. Sie spricht, weil sie es ihre Therapeutin empfiehlt und weil sie sonst untergeht.
Und wir hören zu.
Ein Innenleben ohne Filter
Selins Stimme ist fragmentarisch, spontan, manchmal wütend, manchmal müde, manchmal überschießend. Sie sagt Sätze wie:
„Viele träumen von der Erleuchtung. Mir würde Erleichterung reichen.“
oder:
„Das mache ich jetzt gleich. Ich habe schon für Dümmeres Geld bezahlt.“
Es ist diese Mischung aus Trockenheit, Selbstironie und Verzweiflung, die mich sofort eingenommen hat.
Nicht, weil Selin alles richtig macht – im Gegenteil.
Sondern weil sie glaubhaft klingt.
Stoifberg schreibt keine klassische literarisierte Figur. Er schreibt eine Frau, die versucht, einen Tag nach dem anderen zu bewältigen, während ihr Leben sich hartnäckig weigert, die Form anzunehmen, die sie sich erhofft hat.
Zwischen Kinderwunsch, Kunst und Kontrollverlust
Selin ist Grafikerin. Sie wartet auf den Durchbruch – und auf eine Schwangerschaft. Zwei existenzielle Projekte, die sich ständig entziehen. Und dann tauchen für ein Kunstmagazin beeindruckende Bilder einer unbekannten tibetischen Künstlerin namens Nima auf. Bilder, die Selin berühren, irritieren, elektrisieren.
Sie wagt etwas, das man moralisch nicht verteidigen kann – und emotional kaum verurteilen möchte:
Sie beginnt, im Stil dieser Nima zu malen, und gibt sich gegenüber dem Magazin als die fremde Künstlerin aus.
„Die sitzt auf so einem Berg von Glück, in ihrem fucking Supersax, die könnte tot sein und wär noch happy.“
Ein Satz aus einer ihrer Sprachnachrichten, der viel verrät: Neid, Sehnsucht, Ambition. Und die brennende Frage: Warum nicht ich?
Der Leser als ungewollter Komplize
So falsch Selins Handlung ist – und sie ist falsch –, man bleibt auf ihrer Seite.
Warum?
Weil die Nähe zu ihrer Stimme uns mit ihr verbündet. Das Unmittelbare ihrer Gedanken erzeugt eine Art literarisches Stockholm-Syndrom:
Wir wissen, dass sie der echten Künstlerin gegenüber ungerecht ist.
Und doch hoffe ich bis zum Schluss für sie.
Wie bei einem sympathischen Schurken, der tief verstrickt ist, aber dessen Verletzlichkeit uns dazu bringt, ihm die bessere Wendung zu wünschen.
Dass Stoifberg diesen moralisch komplexen Raum öffnet, ist eine der großen Stärken dieses Romans. Er urteilt nicht. Er zeigt.
Kunst als Rettungsleine
Was mich besonders berührt hat:
Stoifberg beschreibt, wie Selin durch die Kunst – auch wenn sie auf einer Lüge basiert – zu einem Teil ihrer selbst findet, der lange verschüttet war.
Während ihrer depressiven Episoden lässt er uns erleben, wie die Kreativität ein leises Gegengewicht bildet. Kein Wunderheilmittel, nichts Überhöhtes.
Aber ein Ausdruck. Ein Raum.
Selin entdeckt plötzlich nicht nur eine neue Bildsprache, sondern sogar die Poesie in sich. Ihre Sprachnachrichten werden rhythmischer, mutiger, klarer.
Fast so, als würde sie im kreativen Prozess eine Form von innerer Beweglichkeit zurückgewinnen. Das ist beeindruckend feinfühlig geschrieben. Ohne Kitsch, ohne „Kunst rettet“-Floskeln.
Sondern als zarte Möglichkeit.
Wenn die echte Nima auftaucht
Selins Lügengebäude gerät ins Wanken, und damit auch ihre fragile Stabilität.
Die depressive Grundierung kippt in eine manische Überhitzung, die Stoifberg äußerst sensibel beschreibt.
Keine Effekthascherei. Kein Voyeurismus.
Nur der Versuch, eine menschliche Kurve abzubilden – von Hoffnung, Verzweiflung, Selbsttäuschung.
Und dann kommt dieses Ende.
Ein Ende, bei dem ich kurz dachte:
„Kann man das als Autor überhaupt bringen?“
Ja.
Man kann.
Und es funktioniert erstaunlich gut.
Fazit
Abglanz ist ein Roman über Sehnsucht, Lüge, Selbstüberschätzung und den Wunsch nach einem besseren Leben. Aber auch ein Roman über die Kraft der Kunst, uns in dunklen Momenten ein Ventil zu bieten.
Niko Stoifberg gelingt ein ungewöhnlich intimer Zugang zu einem fragilen Innenleben – ohne moralische Keule, ohne übertriebene Dramatik.
Ein leiser, aber eindringlicher Text, der uns daran erinnert, dass Menschen selten einfach nur „falsch“ handeln.
Meist handelt es sich um Knoten aus Schmerz, Hoffnung, Überforderung – und dem verzweifelten Bedürfnis, gesehen zu werden.
Sehr gut geschrieben. Mutig. Intensiv.
Eine klare Leseempfehlung.
Transparenzhinweis:
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.




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