Manchmal stößt man auf Bücher, die mehr sind als nur Text auf Papier – Bücher, die einem wieder klarmachen, weshalb man überhaupt zur Literatur greift. Für mich gehören die Arbeiten von Irene Vallejo genau dazu. Sie schaffen eine Brücke zwischen antiker und heutiger Welt, ohne dozierend zu wirken, sondern mit Wärme, Erzählkraft und Intelligenz.
Irene Vallejo, geboren 1979 in Saragossa, ist Altphilologin und Schriftstellerin. Sie hat an den Universitäten Saragossa und Florenz über das Buchwesen der Antike promoviert. Ihre wissenschaftliche Kompetenz bleibt dabei nie akademischer Selbstzweck. Vallejo hat die Gabe, aus antikem Material Geschichten zu formen, die wirklich etwas mit einem machen. Mittlerweile sind ihre Bücher in über 35 Sprachen erschienen und wurden mehrfach prämiert, darunter mit dem Premio Nacional de Ensayo.
Neben Sachbüchern hat Vallejo Romane wie La luz sepultada über den Spanischen Bürgerkrieg vorgelegt, Kinderbücher publiziert und regelmäßig Kolumnen für Zeitungen wie El País geschrieben. Daneben engagiert sie sich in Literaturprojekten für Krankenhäuser – ein Aspekt, der einiges über ihr Literaturverständnis aussagt: Lesen als Trost, als Zuwendung, als zutiefst menschliche Regung. Vallejo lebt inzwischen wieder in Saragossa.
„Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern“
Mit Papyrus ist Irene Vallejo 2019 ein internationaler Erfolg gelungen, der 2022 in deutscher Übersetzung herauskam. Das Buch erzählt die Geschichte des Buches – von ägyptischen Papyrusrollen über die legendäre Bibliothek von Alexandria bis ins Römische Reich hinein.
Das Besondere an Papyrus liegt in der Art des Erzählens. Vallejo verwebt historische Fakten mit Geschichten über Kopisten, Abenteurer, Sklaven und Gelehrte. Sie berichtet von verlorenen Texten, niedergebrannten Bibliotheken, von der Fragilität des Wissens und zugleich seiner erstaunlichen Beharrlichkeit. Über weite Strecken liest sich das Buch wie ein Abenteuerroman – und ist gleichzeitig eine zutiefst empfundene Verbeugung vor dem Lesen.
Papyrus ist kein staubiges Fachbuch, sondern eine Liebeserklärung an Bücher, an ihre Wanderung durch die Jahrhunderte und an alle, die sie bewahrt haben. Ein Buch für Leute, die Bücher lieben – und verstehen wollen, warum eigentlich.
„Wein und Küsse – 200 Ideen aus der Antike“
Mit Wein und Küsse, 2025 erschienen, wählt Irene Vallejo einen stilleren, aber ebenso eindringlichen Ansatz. Das Buch versammelt Kolumnen und kleine Prosastücke, in denen antike Themen auf Beobachtungen aus unserem heutigen Leben treffen.
Es geht um Liebe, Genuss, Freundschaft, Abschied, Hoffnung – um das, was Menschen seit jeher umtreibt. Vallejos Stil ist hier besonders eingängig: durchdacht, leichtfüßig, stellenweise fast beschwingt. Man liest dieses Buch nicht in einem Zug durch, sondern greift immer mal wieder danach. Viele sprechen von einem „warmen Schluck“ – ein treffendes Bild für ein Buch, das einen begleitet, ohne zu überfordern.
Wer Papyrus schätzt, wird auch Wein und Küsse mögen: als Pendant, als Kontrapunkt, als kleines Hausbuch für zwischendurch, das trotzdem Substanz hat.
Warum diese Bücher bleiben
Beide Bücher zeigen, was Literatur vermag: Sie hauchen Vergangenheit Leben ein und ziehen Linien zur Gegenwart. Irene Vallejo schreibt präzise und zugleich imaginativ, gelehrt und doch zugänglich. Ihre Texte trösten, regen an und erinnern daran, dass Lesen weit mehr ist als bloße Wissensaufnahme – es ist ein kultureller Akt, ein stiller Widerstand gegen Vergessen und Flüchtigkeit.
Gerade in einer digitalen, rastlosen Zeit wirken Papyrus und Wein und Küsse wie bewusste Alternativen. Bücher, die verlangsamen, bilden und dabei erzählen. Bücher, die man gern weitergibt – und am liebsten doch selbst behält.








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