Gedächtnis als Körper, Körper als Zeit

Annie Ernaux trat zufällig in mein Leben. Natürlich bin ich der französischen Literatur generell sehr zugetan, aber war ich doch eher bei Duras, Nin und Sagan. Ein bisschen mehr Liebe und Begehren am Abgrund. In der Introspektion. Nicht in der fast schon nüchternen Erinnerungsarbeit.
Und doch habe ich nach meinem persönlichen Lesedebüt von Ernaux Die Jahre eine neue Lieblingsautorin.

Ich habe Die Jahre aufgeschlagen und sofort gemerkt: Hier erzählt jemand ein Leben, ohne das Wort Ich auch nur ein einziges Mal zu benutzen. Stattdessen gibt es ein sie, ein man, ein wir. Das Private wird nicht ausgestellt, sondern eingebettet. In Konsumkultur, in Politik, in Sprache. Und genau dadurch verschiebt sich etwas. Plötzlich liest man nicht mehr nur eine Biografie. Man liest sich selbst. Die eigene Zeit. Die eigenen Brüche. Selbst wenn man – so wie ich – ein bis zwei Generationen später geboren wurde.

Was Ernaux hier entworfen hat, ist kein Erinnerungsroman. Es ist ein literarisches Palimpsest – Schicht um Schicht, übereinandergelegt. So, wie sie es selbst beschreibt.

Schon in der Kindheit passiert der Sprachwechsel: Zu Hause die vertrauten Redensarten der Herkunft, in der Schule das normierte Französisch der Bildung. Der soziale Aufstieg vollzieht sich hier über Grammatik. Sprache wird zur Schwelle und zur Wunde. Das hat mich berührt, weil es so nüchtern formuliert ist und trotzdem so viel Schmerz transportiert.

»Sie spürt sich nirgends, außer sie lernt oder liest.«

Später eignet sich die junge Frau die Sprache der Philosophie an, um der Schwere des Daseins zu entkommen. Essenz. Kategorischer Imperativ. Abstraktion. Begriffe als Gegenmittel zum Körper – gegen Blut, Hunger, Begehren.

Doch Ernaux verzichtet auf jede dramatische Geste. Ihre Sätze bleiben nüchtern, beinahe dokumentarisch. Gerade darin liegt die Wucht. Sie schreibt nicht über Emotionen – sie zeigt, welche Diskurse sie formen. Welche Sprachen uns prägen. Welche Bilder sich in uns festsetzen, an welche wir uns erinnern.

»An einigen Tagen war man glücklich, an anderen nicht.«

Auch das schreibt sie klar, aber ohne Kälte. Überhaupt zeigt sie ihr Leben, eingebettet in Gesellschaft und Politik, wie ein Blick durch das Fernglas, in das man ungern schaut, aber muss.
Religiöse Rituale lösen sich auf, politische Ideologien wechseln, Kriege laufen weiter –
»… doch das Interesse an ihnen ist umgekehrt proportional zu ihrer Dauer und Entfernung.«
Ein Satz, der schmerzt. Und reflektieren lässt. Wie so viele ihrer Beobachtungen. Man fühlt sich ertappt und gleichzeitig getröstet, weil man sich verstanden fühlt.

Ernaux montiert solche Beobachtungen neben intime Szenen: die Pose eines Mädchens auf einem Schwarz-Weiß-Foto, eine Mutter mit zwei Söhnen am Strand, das Wissen um Verantwortung, weil man sie in die Welt gesetzt hat. Mutterschaft erscheint nicht sentimental, sondern als historisch geprägte Rolle. Als Generationenabstand. Als Schuld und Fürsorge zugleich.

Und dann das Altern.

»Ihr ist das Gefühl für die Zukunft abhandengekommen.«

Eine simple Feststellung. Aber eine, die mich tagelang nicht losgelassen hat.

Zeit verläuft in diesem Buch nicht linear. Sie dehnt sich, zieht sich zusammen, überlagert sich. Ernaux beschreibt das eigene Leben als eingebettet in ein kollektives Gedächtnis. Das Individuelle existiert nur als Durchgangsstation gesellschaftlicher Strömungen. Man lebt nicht einfach sein Leben – man wird gelebt. Von Sprache, von Geschichte, von Bildern, die man nie selbst gewählt hat.

Erinnerung ist kein warmes Zurückblicken. Sie ist Arbeit. Widerstand. Ein Akt gegen das Verschwinden. Und die Form folgt diesem Anspruch: lange, aufzählende Sätze, in denen Marken, Filme, politische Ereignisse, Körperbilder und persönliche Übergänge nebeneinanderstehen. Keine lyrische Ausschmückung. Kein Trost.

Und doch entsteht etwas zutiefst Intimes.

Weil man merkt: Dieses Leben ist austauschbar – und gerade deshalb einzigartig.

Ich habe Die Jahre gelesen und das Gefühl gehabt, dass Ernaux etwas umgesetzt hat, das viele Autobiografien verfehlen. Identität entsteht nicht aus Innerlichkeit. Sie entsteht aus Zeit. Aus den Debatten und Geschehnissen, die uns durchlaufen. Aus den Bildern, die wir übernehmen, ohne es zu merken. Das Leben passiert uns einfach.

Sehr oft musste ich innehalten. Sehr viel habe ich unterstrichen. Und am Ende hatte ich das Gefühl, dass dieses Buch nicht nur von einer Frau erzählt, die zwischen 1940 und 2006 gelebt hat.

Es erzählt von uns allen.

Annie Ernaux

Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden. Annie Ernaux hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Nobelpreis für Literatur.
Text und Foto Suhrkamp Verlag
© Catherine Hélie/Editions Gallimard

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