Manche Bücher nimmt man zur Hand und legt sie wieder weg. Nicht weil sie schlecht sind. Sondern weil sie zu nah kommen. Zu früh.
Das Liebespaar des Jahrhunderts ist so ein Buch. Ich habe es vor einiger Zeit aufgeschlagen und gemerkt: Das hier braucht Zeit. Nicht weil es schwer zu lesen ist — Julia Schochs Sprache ist das Gegenteil von schwer, sie ist klar, fast lakonisch, manchmal von einer Präzision, die einem den Atem verschlägt. Sondern weil es Fragen stellt, die man nicht einfach zuklappen kann, wenn man das Buch schließt.
Der Anfang ist von entwaffnender Ehrlichkeit: Eine Frau will ihren Mann verlassen. Dreißig Jahre haben sie zusammengelebt. Und nun diese drei Wörter — Ich verlasse dich — die genauso kurz sind wie die drei Wörter am Anfang. Ich liebe dich. Drei Wörter. Dreißig Jahre. Eine Geschichte dazwischen, die die Ich-Erzählerin nun in Gedanken noch einmal durchläuft, bevor sie gehen will.
So beginnt Julia Schochs zweiter Teil ihrer Trilogie Biographie einer Frau. Und so beginnt auch die eigentliche Frage des Buches: Wie passiert das? Wie wird aus dem größten Gefühl langsam Stille?
»Ich habe versucht, dich zu ergründen. Gleichzeitig versuchte ich es nicht.« (S. 28)
Dieser Satz hat mich zum Innehalten gebracht. Nicht weil er eine Antwort gibt. Sondern weil er so genau beschreibt, wie Beziehungen funktionieren oder aufhören, zu funktionieren. Dieses gleichzeitige Wollen und Nicht-Wollen-Wissen. Man liebt jemanden über Jahrzehnte, und trotzdem bleibt da ein Raum, den man nie ganz betritt. Absichtlich. Unbewusst. Weil man Angst hat, was man dort finden könnte.
Julia Schoch nennt das nicht beim Namen. Sie zeigt es einfach. Und genau darin liegt ihre literarische Kraft.
Die Erzählerin ist Schriftstellerin – wie Schoch selbst. Autofiktional, sagt man dazu. Aber dieser Begriff klingt nach Etikett, nach Schublade. Was Schoch hier betreibt, ist eher das, was sie selbst irgendwo literarische Archäologie nennt: das behutsame Freilegen von dem, was sich im Alltag ablagert und verbirgt. Die Liebesmuster. Die kleinen Wendepunkte, die man im Moment nicht als solche erkennt. Die Momente, in denen man spricht — und die, in denen man schweigt.
»Im Verschweigen, im verzweifelten Verschweigen erzählt sich das Leben.« (S. 39)
Das ist einer jener Sätze, die ich sofort unterstrichen habe. Weil er so wahr ist, dass er wehtut. Weil er nicht nur über diese eine Beziehung spricht, sondern über alle. Über das, was wir unseren Nächsten nie sagen. Was wir uns selbst nicht sagen. Und wie trotzdem — oder gerade deshalb — daraus eine Geschichte wird.
Schoch verwebt das Persönliche mit dem Zeitgeschichtlichen — leise, ohne Aufhebens. Die rauschhaften Jahre nach der Wende, das Studium, Auslandsaufenthalte, kleine Kinder, der schleichende Alltag. Man merkt, dass diese Liebe nicht in einem Vakuum existiert, sondern eingebettet ist in eine Zeit, in eine Generation, in ein bestimmtes Verständnis davon, was Glück bedeutet und was man von einem anderen Menschen erwarten darf.
»Es heißt, die Unglücklichen seien besonders, Glück mache die Menschen gewöhnlich.« (S. 49)
Ein Satz, der nicht nur an Tolstoi erinnert, sondern immer wieder zum Nachdenken anregt. Weil er so zynisch klingt und gleichzeitig so aufrichtig. Weil er die heimliche Romantik des Leidens benennt, die sich in uns festgesetzt hat. Als wäre das Scheitern irgendwie würdevoller als das stille, gewöhnliche Glücklichsein. Julia Schoch stellt das nicht aus. Sie beobachtet es.
Was Schoch so besonders macht, ist diese Fähigkeit, den kleinsten Verschiebungen nachzuspüren. Die Entwicklung einer symbiotischen Beziehung zur Emanzipation der Erzählerin vollzieht sich nicht laut. Sie vollzieht sich in Sätzen wie diesem:
»Ich war näher bei mir. Aber das hieß auch: Ich war weiter weg von dir. Wie es aussieht, ist die Emanzipation der Tod der Liebe.« (S. 156)
An diesem Satz kaue ich noch immer. Weil er etwas benennt, das wir selten laut aussprechen: dass das Zurückfinden zu sich selbst nicht immer vereinbar ist mit dem Bleiben in einer Beziehung. Dass Nähe zu sich und Nähe zum anderen manchmal in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Und dass es keinen Ausweg aus diesem Paradox gibt, nur die Entscheidung, welchen Preis man zahlen will.
Irgendwo in diesem Roman taucht ein Gedanke auf, der mich nicht losgelassen hat. Der Gedanke, dass man vielleicht ein Ende braucht, damit das Erzählen beginnen kann. Dass die Literatur dort anfängt, wo etwas aufgehört hat. Und dass man über Glück kaum schreiben kann, weil es keinen Widerstand bietet, keine Spannung, keinen Riss, durch den das Licht fällt.
Das wirft eine unbequeme Frage auf: Denkt die Erzählerin ans Verlassen, weil die Beziehung wirklich gescheitert ist? Oder weil sie ihre Geschichte nur erzählen kann, wenn sie ein Ende hat? Weil das Schreiben eine Art ist, das Gelebte zu begreifen, festzuhalten, zu besitzen?
Ich habe keine Antwort darauf gefunden. Und ich glaube, das Buch will keine geben.
Und dann kommt das Ende.
Ich werde nicht verraten, was dort passiert. Nur so viel: Es gibt einen Satz, der alles auf den Kopf stellt. Der die dreißig Jahre, die man gerade gelesen hat, in einem neuen Licht erscheinen lässt. Einen Satz, an dem ich lange gesessen habe — nicht weil er mich überzeugt, sondern weil er eine Möglichkeit benennt, die ich bisher nicht zu Ende gedacht hatte.
Vielleicht stimmt es ja wirklich: Man musste nur lange genug dableiben.
Wer Die Jahre von Annie Ernaux kennt — diese Art, das Persönliche im Kollektiven zu verankern, ohne sentimentale Geste — wird in Julia Schochs Sprache Verwandtes finden. Etwas Ähnliches wie nüchterne Zärtlichkeit.
Und wer Was das Leben kostet von Deborah Levy gelesen hat, wird auch dort etwas Vertrautes finden: Levy schreibt ebenfalls als Schriftstellerin über das Ende einer langen Ehe, ebenfalls in präziser, illusionsloser Prosa, ebenfalls ohne Larmoyanz. Aber während Levy nach vorn schaut — aus den Bruchstücken eines alten Lebens ein neues erschreibt — bleibt Schoch im Rückblick, im Erinnern, im behutsamen Freilegen. Zusammen bilden sie ein Diptychon des weiblichen Abschieds — einmal als Aufbruch, einmal als Archäologie.
Ich habe dieses Buch gelesen und das Gefühl gehabt: Hier schreibt jemand über das, worüber man normalerweise schweigt. Nicht über das Ende der Liebe, sondern über ihr leises, hartnäckiges Fortbestehen. Darüber, was übrig bleibt, wenn der Glanz weg ist. Und ob das genug ist.
Und ich konnte nicht anders: Die anderen beiden Bände, die zur Trilogie gehören, habe ich mir ebenfalls besorgt. Dazu also bald mehr.
Julia Schoch, geboren 1974 in Bad Saarow, aufgewachsen in Mecklenburg, gilt als »Virtuosin des Erinnerungserzählens« (FAZ). Sie lebt als Autorin und Übersetzerin in Potsdam. Das Liebespaar des Jahrhunderts ist der zweite Band ihrer Trilogie Biographie einer Frau, erschienen im dtv Verlag. Für ihr Werk erhielt sie zuletzt die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung, den Schubart-Literaturpreis, den Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis und 2025 das Bundesverdienstkreuz.




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