Zwei Bücher, die sich gegenseitig beleuchten

Manche Bücher liest man nicht allein. Sie rufen nach einem anderen Buch, das danebenstehen will. Als ich Maman von Sylvie Schenk aufschlug, wusste ich nach wenigen Seiten: Das hier braucht ein Gegenüber. Ich griff zu Colettes Sido. Und plötzlich standen zwei Mütter im Raum, die kaum unterschiedlicher sein könnten – und zwei Töchter, die beide dasselbe versuchen: die Frau zu fassen, von der sie kommen.


Sylvie Schenk * Maman

„Maman hat uns in die Welt gesetzt und wild wachsen lassen wie Unkraut.“ (S. 11)

Ein sehr passend beschreibender Satz, mit dem Schenk ihre Mutter einführt. Kein Lamento, kein Vorwurf – nur diese eine, knappe Feststellung, die alles sagt. Eine Mutter, die da war, aber nicht wirklich anwesend. Eine Frau ohne geklärte Herkunft: als Kind adoptiert, aufgewachsen in Armut und Scham, gezeichnet von einem Leben voller Lücken, die sich im Nachhinein nicht mehr schließen lassen.

Schenk tastet sich an diese Mutter heran wie eine Archäologin. Sie trägt zusammen, was sie weiß, was andere erinnern, was sich nur noch ahnen lässt. Fakten und Fantasie stehen gleichwertig nebeneinander – nicht weil Schenk es nicht besser wüsste, sondern weil es keine andere Möglichkeit gibt. Die Mutter hat zu viel verschwiegen. Zu viele Gespräche haben nie stattgefunden.

„Mamans Leben und mein Leben sind miteinander verflochten wie zwei unterschiedlich gefärbte Wollfäden im schlecht gestrickten Pullover.“ (S. 44)

Was mich an diesem Buch so berührt hat, ist Schenks Sprache. Sie ist lakonisch, fast nüchtern – und gerade darin liegt die Wucht. Sie erklärt nicht. Sie beschreibt nicht ausführlich. Sie stellt hin. Manchmal einen einzelnen Satz, der für sich allein steht und nicht kommentiert wird:

„… Furunkel und Abszesse werden bei Geburtstagen geöffnet.“ (S. 130)

Man sitzt davor und braucht einen Moment. Dann versteht man, was diese Familie bedeutet hat. Was Nähe dort bedeutet hat. Und warum das Schreiben für Schenk kein sentimentales Projekt ist, sondern ein dringliches:

„Schreiben. Maman aus dem Nichts retten.“ (S. 166)

Sechs Worte. Kein ausgeführter Gedanke, kein Relativieren. Nur das Programm, nackt und ungeschützt hingestellt. Selten habe ich einen Satz gelesen, der so klar benennt, warum Töchter über ihre Mütter schreiben.

Schenk beschreibt auch die Handschrift ihrer Mutter: „Ihre Schrift: schräg nach hinten, jeder Buchstabe fällt auf den Rücken.“ (S. 115) Das ist kein literarischer Schmuck. Das ist ein Charakter in einem Satz. Eine Frau, die sich selbst nicht aufrecht halten konnte – und das bis in die Bewegung der Hand hinein. Als wolle sie in etwas verschwinden, aus dem sie gekommen war. Zurückgehalten und -gezogen ins Leere.

Maman ist kein einfaches Buch. Es ist ein Buch, das mich persönlich begleitet. Das nachts in mir weiterarbeitet. Das mich mit meiner eigenen Geschichte versöhnlicher werden lässt.

PS: Ich war „geflasht“ als die Autorin ab Seite 57 der Schriftstellerin Colette ein Kapitel widmet – so schloss sich für mich der Kreis.


Colette * Sido

„Meine Mutter bekam wieder ihr ruhiges, ihr glanzvolles Gartengesicht, das so viel schöner war als ihr sorgenvolles Hausgesicht.“ (S. 20)

Colettes Sido ist das Gegenteil – und doch derselbe Versuch. Auch hier eine Tochter, die ihre Mutter in Sprache festhalten will. Aber was Colette festzuhalten versucht, ist Fülle, nicht Leerstelle. Sido ist eine Frau mit eigenem Kopf, eigener Haltung, eigenem Blick auf die Welt. Sie steht früh auf, kennt jeden Baum im Garten beim Namen, hört Dinge, die andere nicht hören. Und sie gibt das ihrer Tochter weiter — nicht als Lehre, sondern als Lebensweise.

Colette schreibt keine Biografie. Sie schreibt einen Lobgesang. Die Struktur folgt nicht der Chronologie, sondern dem Gedächtnis – Bildern, Szenen, Gesten, die sich eingebrannt haben. Sido hält es für selbstverständlich, „Wunder in die Welt zu setzen“ (S. 72). Und Colette, die berühmteste Schriftstellerin Frankreichs ihrer Zeit, schreibt Jahrzehnte später:

„Ich ahme sie immer noch nach.“ (S. 30)

Drei Zitate, die alles über Herkunft sagen. Über das, was eine Mutter weitergeben kann – nicht als Erziehung, sondern als Wesen.

Handwerklich ist Sido faszinierend: Colette schreibt in kurzen, leuchtenden Einheiten. Keine langen Entwicklungsbögen, keine dramatischen Wendepunkte. Nur diese Bilder, die so präzise sind, dass man meint, selbst im Garten zu stehen. Die sinnliche Wahrnehmung ist das eigentliche Thema – und sie ist gleichzeitig das Erbe, das Sido ihrer Tochter hinterlassen hat.


Zwei Bücher, eine Frage

Colette feiert, was die Mutter gegeben hat. Schenk sucht, was nie da war. Zwischen diesen beiden Polen – Mutter als Ursprung, Mutter als Leerstelle – bewegt sich wohl jede Tochter irgendwann.

Beide Bücher sind klein im Umfang und groß in dem, was sie aushalten. Beide lohnen sich einzeln. Zusammen gelesen beleuchten sie sich gegenseitig auf eine Weise, die ich selten erlebt habe.

Den persönlichen Essay zu beiden Büchern – und meiner eigenen Verortung dazwischen – findest du auf LiterAmour.

Zum Essay auf LiterAmour.club


Sylvie Schenk, geboren 1944 in Chambéry, lebt als Schriftstellerin und Ärztin in Deutschland. Sie schreibt auf Deutsch und Französisch. Maman erschien 2024 im Carl Hanser Verlag und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Colette (Sidonie-Gabrielle Colette), 1873–1954, gilt als eine der bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Sido erschien erstmals 1929 und ist neben Die Vagabundin ihr persönlichstes Werk. Ins Deutsche übersetzt von Uli Aumüller.

Mein Versuch, diese starke und kreative Mutter-Tochter-Verbindung von Colette und Sido astrologisch zu betrachten, findet ihr hier:

Die Mutter als Kosmos auf AstroFeder.com

Maman von Sylvie Schenk

1916 wird Sylvie Schenks Mutter geboren, die Großmutter stirbt bei der Geburt. Angeblich war diese eine Seidenarbeiterin, wie schon die Urgroßmutter. Aber stimmt das? Und welche Geschichte wird den Nachkommenden mit auf den Weg gegeben? Als Kind leidet Sylvie Schenk unter dieser Unklarheit, als Schriftstellerin ist sie deshalb noch immer von großer Unruhe geprägt. Mit poetischer Präzision spürt sie den Fragen nach, die die eigene Familiengeschichte offenlässt.

ISBN: 978-3446276239
HardCover: Hanser Verlag € 22 erschienen Feb 2023
Taschenbuch: Goldmann Verlag, Dez 2024
Shortlist Deutscher Buchpreis 2023

Sido von Colette

Das Porträt ihrer Mutter Sido mit Wörtern zu malen war eine der großen Aufgaben, die sich die Schriftstellerin Colette immer wieder stellte; und auch in «Sido» scheint sie abzuweichen in Skizzen aus dem Leben in der Provinz ihrer Kindheit, in die Schilderung des häuslichen Gartens, in die unbeschriebenen Bücher, die der Vater hinterließ. Und doch entsteht hier auf indirektem Weg, über die meisterhafte Beschreibung einer blühenden, duftenden, pulsenden Welt, das Bild einer außergewöhnlichen, geradezu seherisch sensiblen Frau, von der wir nie etwas erfahren hätten, wäre aus ihrer Tochter nicht die Dichterin Colette geworden.

ISBN: 978-3688101870
SoftCover € momentan nicht lieferbar / Antiquariat
Übersetzung: Uli Aumüller
Rowohlt repertoire

Exkurs zu AstroFeder – ein Forschungsprojekt an der Schnittstelle von Astrologie und Literatur. Im Mittelpunkt stehen Autor:innen der Weltliteratur — und die astrologische Erkundung ihrer Persönlichkeit, ihrer Schaffensphasen und ihrer Werke.


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