Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen * Michaela Karl

Maeve Brennan. Eine Biographie.

New York City, 1955. High Heels klackern auf der 5th Avenue. Im Kleinen Schwarzen, mit Perlenkette und Beehive ist Maeve Brennan auf dem Weg in den New Yorker. Sie ist ein Star ihrer Zeit, gefeierte Autorin und New Yorks Mode-Ikone. Angeblich dient sie sogar als Vorbild für die weltberühmte Figur der Holly Golightly in Truman Capotes Breakfast at Tiffany’s. Ihr Leben ist perfekt. Doch ihr Lebensmotto lautet nicht umsonst: »Bis zum Chaos ist es nur ein kleiner Schritt …«

Irland und ihre revolutionären Eltern hat Maeve Brennan hinter sich gelassen, ebenso wie eine turbulente Affäre mit Charles Addams, dem Kopf hinter der Addams Family. Die Stelle als Moderedakteurin bei Harper’s Bazaar in New York scheint ihr auf den Leib geschneidert zu sein, doch die exzentrische und messerscharf schreibende junge Frau steigt noch höher auf: zur landesweit bekannten Autorin des legendären New Yorkers. Alkohol und der Cary Grant der Journalistenszene locken sie ebenso wie das Verlangen nach einem selbstbestimmten Leben. Michaela Karl, bekannt für ihre detailreichen und ungewöhnlichen Frauenbiographien, erzählt eindrucksvoll von einer schillernden Persönlichkeit auf dem schmalen Grad zwischen Glamour und Wahnsinn. Klappentext

Schon allein der Titel des Buches ist ein magnetischer Anziehungspunkt. Denn genauso stelle ich mir die Damen bei den großen New Yorker Zeitungen vor. Stilecht mit Lippenstift und immer perfekt gekleidet mit Bleistiftrock und Bluse, oder eben wie Maeve Brennan im kleinen Schwarzen. Sie gilt als Vorlage für Capotes Figur Holly Goligthly in >>Frühstück bei Tiffany<<. Doch die bekannte Biografie-Autorin Michaela Karl räumt dieses Klischee auf bzw. bringt weitere Damen aus dieser Zeit als Vorbild ins Rennen. Nicht zuletzt Truman Capotes Mutter. Es liegt wohl am Stil der Zeit, den allerdings Maeve Brennan als Ikone geprägt hat.

Ich habe bereits eine Biografie von Dorothy Parker von Michaela Karl gelesen und war sehr begeistert von ihren reichhaltigen Recherchen und der Verknüpfung von Weltgeschehen und persönlichen Erlebnissen der von ihr vorgestellten großen Damen der Literatur.

„Wer sich einmal für diese Welt entschieden hat, für den gibt es kein Zurück mehr. Der Schritt Richtung Unabhängigkeit wird mit dem Verlust der Heimat bezahlt.“

S. 89

Durch Maeve Brennan taucht der Leser ein in die Welt des Journalismus in den 40er bis 60er Jahren, als Schreiben noch Herzblut und Berufung war. Frauen, die sich damals gegen den vorgezeichneten Weg von Ehe und Hausarbeit stellten, waren damals entweder bemitleidenswerte alte Jungfern oder skandalöse Personen. Brennan nahm sich ihre Freiheiten und heutzutage würde man sie als polyamor bezeichnen. Doch auch damals schon gab es eine intellektuelle Elite, die sich gegen alle Konfessionen lehnte. Dabei waren viele der Journalisten des New Yorkers nicht so glamourös wie die großen Schriftsteller ihrer Zeit, die sich regelmäßig zum „Round Table“ im Hotel Algonquin mit Fitzgerald, Hemingway und Parker trafen, sondern eins zwei Jahrzehnte später in der ehemaligen Flüsterkneipe namens Costello´s unweit der Redaktion.

„Gestern hatte ich eine Gelegenheit, das Richtige zu tun. Ich bin sehr froh, dass ich sie nicht wahrgenommen habe, und ich hoffe, dass sich mir diese Gelegenheit auf lange Zeit nicht noch einmal bieten wird.“

Maeve Brennan: Kommen und gehen im Nimmernimmerland

Sie lebt als gebürtige Irin in einer Metropole, die man sich erst erobern muss. Denn die in New York geboren New Yorker könne man an einer Hand abzählen, wie Dorothy Parker schon berichtete. Man ist ein Fremder in einer fremden Stadt und Maeve Brennan liebt ihr New York, was in der Biografie deutlich zu erkennen ist und ebenso an der Kolumne, die sie für den New Yorker als >>The Long-Winded Lady<< schreibt. Wie eine Art Tagebuch verschafft sie den Einwohnern in der Rubrik „Talk of Town“ einen journalistischen Ehrenplatz.

„Du bist alles, was deine Arbeit hat. Sie hat niemanden sonst und hatte nie irgendjemand anderen. Wenn du ihr (…) die Stimme verweigerst, wird sie sprachlos bleiben.“

S. 264

Brennan lebt für den Journalismus und für ihre Kurzgeschichten. Sie arbeitet hart, ist ständig pleite, obwohl sie so gut wie keinen Besitz hat und wie eine Nomadin ständig umzieht. Mit Mitte dreißig heiratet sie einen Kollegen aus der Redaktion und beide lassen sich wenige Jahre wieder scheiden.

„Wenn es Maeve irgendwo nicht mehr hält, zieht sie einfach weiter.“

S. 251

Mit der Herkunftsfamilie aus Irland hatte sie irgendwann komplett gebrochen. Auch hatte sie nicht viele Freunde. Die meisten waren männliche Kollegen und das Ehepaar Murphy, welches schon mit den Hemingways und Fitzgeralds befreundet waren. Als Menschen aus ihrem Umfeld schwer krank wurden und starben, wurde auch Brennan immer anfälliger für Nervenzusammenbrüche. Ein paar Mal musste sie in eine Klinik eingeliefert werden. Ihre letzten Jahre sind tragisch und einsam.

Michaela Karl schafft es in dieser Biografie die Ikone berührter zu machen und man schlägt das Buch zu, als hätte man eine gute Freundin verabschiedet. Wer New York liebt und den Journalismus sowie gerne Biografien über unabhängige Frauen liest, macht mit dem Buch alles richtig. Absolute Leseempfehlung!

Werbung: Vielen Dank dem Bloggerportal von Randomhouse für das Rezensionsexemplar. Dies hatte keinen Einfluss auf meine Meinung.

Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen

ISBN: 978-3442719907

Hardcover: 22 EUR // April 2019

Taschenbuch: 11 EUR // März 2021

Erschienen im Hoffmann und Campe Verlag sowie als TB im btw Verlag

Veröffentlicht von

Buch & Schöpfer

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