Mutter werden. Mutter sein.

Autorinnen über die ärgste Sache der Welt (Barbara Rieger Herausgeberin)

Mutterschaft ist ein Thema, dem bisher (vor allem von der Literaturkritik) wenig Achtung und Beachtung geschenkt wurde. Doch seit einiger Zeit melden sich Autorinnen vermehrt zu Wort und rücken das Thema zu Recht in den Fokus, schließlich ist es das grundlegendste und kontroverseste Thema unserer Zeit.

Teresa Bücker, Nava Ebrahimi, Sandra Gugić, Andrea Grill uvm. haben sich auf vielfältige Weise mit dem Mutterwerden und Muttersein auseinandergesetzt. Wie wird frau zur Mutter? Welche Erwartungen werden an die Mutterrolle gestellt? Wie gehen Mütter mit Fremdbestimmung um? Welche Freiheiten nehmen oder erkämpfen sie sich? Und wie sieht eigentlich gleichberechtigte Elternschaft aus? Ein Buch, das beglückt und wehtut, das wütend und mutig macht, aber vor allem eines zeigt: Mutter sein ist die ärgste, schwierigste, intensivste und schönste Sache der Welt. Mit Beiträgen von Helena Adler, Lene Albrecht, Katja Bohnet, Teresa Bücker, Nava Ebrahimi, Andrea Grill, Sandra Gugić, Franziska Hauser, Simone Hirth, Gertraud Klemm, Elena Messner, Lydia Mischkulnig, Barbara Peveling, Verena Stauffer (Klappentext)

„Es zählt nicht, dass du vom Schreibtisch immer und immer wieder aufstehen wirst müssen. Es zählt, dass du daran zurückkehrst.“

Elena Messner S. 117

Dieses Buch hat mich mit Inhalt und Cover sofort angesprochen und ich habe es freundlicherweise direkt vom leykam:Verlag nach Anfrage zugestellt bekommen. Ganz herzlichen Dank für das tolle Rezensionsexemplar.

Die Herausgeberin Barbara Rieger hat eine ansprechende Sammlung deutschsprachiger Autorinnen herausgebracht, die sich dem Thema Muttersein und Kreativität widmet. Die Tücken des Alltags, die Routine, die Ablenkungen, die verpassten Momente auf beiden Seiten: Beim Schreiben und bei der Kindesentwicklung. Den Autorinnen geht es in erster Linie ein Bewusstsein bei den Leser:innen zu entwickeln, dass Frauen in der Literatur anders wahrgenommen werden, als ihre männlichen Kollegen. Und das der Umstand der Mutterschaft diese Unsichtbarkeit potenziert.

Der Sammelband erinnert an die Essays von Ilka Piepgras herausgegebenes Buch „Schreibtisch mit Aussicht“ vom Kein & Aber Verlag in 2020, welches ich ebenfalls verschlungen habe. Meiner Meinung nach gab es bei Riegers Beiträgen mehr inhaltliche Treffer zum Ausgangsthema.

Ein mir persönlich wichtigem Thema hat sich Teresa Bücker gewidmet. Sie macht mit ihrem Essay „Ist es radikal, ein Kind ohne Partner zu bekommen?“, auf Alleinerziehende in unserer Gesellschaft aufmerksam und zeigt, die von der Bevölkerung und Politik akzeptierten Missstände auf. Statt Förderung der dem System nutzenden Kleinfamilie, bestehend aus Mutter-Vater-Kind, sollte das Konzept Kinder bekommen & großziehen modernisiert werden. Die Autorin und Journalistin macht bewusst, dass weitaus mehr Familienformen existieren, sie lenkt den Blick auf unsichtbare Care-Arbeit und deckt die Romantiklüge vieler Kinderwunschpaare auf. Teresa Bücker plädiert u.a. für geteilte Elternschaft. Ich schlussfolgere aus diesem Kontext eine Form des modernen Feminismus, um sich Zeiträume für die Kreativität, dem Schreiben und/oder dem Job zu verschaffen.

In den 15 Essays geht es um Kreativität und der Widerspruch zum Alltag und Routine. Wie schon bei Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“ braucht die Muse einen ungestörten Stuhl, um sich niederzulassen. Besser noch eine Récamiere, viel Wein und leichtfüßige Zerstreuung. Stillzeiten, Kindergartenbringdienste, Krankenpflege und Impftermine sind Musenverhinderer. All das, was den männlichen Schriftstellerkollegen mit Bravour gelingt, weil sie entweder keine Kinder haben oder die Mutter des Kindes diese Care-Arbeit erledigt, verursacht schon beim Gedanken daran bei schreibenden Müttern eine Schuldneurose. Rabenmütter in Zeitlöchern und Paralleluniversen.

Am meisten beeindruckt haben mich die Eindrücke von Barbara Rieger selbst. Ihre schonungslose Schilderung der Geburt und die Zeit davor und danach. Und der „Brief an eine muttergewordene Schriftstellerin“ von Elena Messner.

„..und, wenn du auch zehn Jahre hintereinander keinen einzigen Vers gemacht hättest wegen des Kindes, so wird doch alles, was du in diesen zehn Jahren gesehen, gehört, versucht, getan und gelitten hast, entweder Poesie gewesen oder zu Poesie geworden sein. … Lass also das Licht am Schreibtisch an, bis du selbst daran zurückkehren wirst, mag es auch Wochen, Monate oder Jahre dauern.“

S. 117 Elena Messner

Und ebenso die Schilderung von Lydia Mischkulnig aus der Sicht eines Kindheit-Ichs über die schreibende Mutter. Die Priorisierung der Berufung und notwendige Abschottung zum Schreiben wird in ihrem Essay anhand der Vernachlässigung der Kinder deutlich gemacht. Eine gefühlvolle fiktive Erinnerung aus Stolz und Einsamkeit.

„Je besser das Verhältnis zu den kleinen Kindern, umso schlechter die Literatur.“

S. 154 Lydia Mischkulnig

Alles in allem eine sehr gelungene Sammlung toller, teilweise mir unbekannten Autorinnen, von denen ich in Zukunft mit Sicherheit mehr lesen werde.

„Mütter aller Länder, vereinigt euch, singt!“

S. 209 Ein Manifest von Simone Hirth

Mutter werden. Mutter sein.

Herausgeberin: Barbara Rieger

ISBN: 978-3-7011-8197-1

Leykam:Verlag, August 2021

Hardcover 22€

Umschlaggestaltung: Christine Fischer, Lektorat Tanja Raich

Veröffentlicht von

Buch & Schöpfer

Das Lesen & Schreiben ist wie atmen und fühlen.

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