Als wär das Leben so * Rainer Moritz

Bei Unabänderlichen nützte es nichts zu weinen.“

Lisa hat ihren eigenen Kopf: Sie weiß, was sie nicht will. Eine eigene Familie will sie nicht; es gibt Männer in ihrem Leben, aber den einen Mann an ihrer Seite braucht sie nicht, will sie nicht. Sie arbeitet erst als Buchhändlerin, später in einem Hamburger Zeitungsverlag, gerne, fleißig, aber ohne Ambitionen. Und sobald sie die Tür ihrer kleinen Wohnung hinter sich schließt, ihr Kater Bello auf sie zurast, ist die Arbeit vergessen. Den einen Mann an ihrer Seite gibt es irgendwann, allerdings einen, der nicht ganz ihrer ist, aber auch das stört Lisa nicht. Mindestens einmal die Woche kommt er zu ihr, und dann zählt nur sie. Lisa geht weiterhin ihren Weg, konsequent, zufrieden, wobei Lisa dieses Wort nie in den Mund nehmen würde. Bis ihr irgendwann das Leben einen Strich durch die Rechnung macht. Rainer Moritz hat mit seiner Lisa eine Figur geschaffen, deren stille Beharrlichkeit zu Herzen geht: eine Frau, die an Aufregungen kein Interesse hat, die viel allein ist, ohne je einsam zu sein, die froh ist über das, was sie hat. Ein selbstbestimmtes Leben. Ein gutes Leben? Klappentext

„Wer sich zu wichtig nahm, verlor die Welt.“

S.77

Aufmerksam geworden auf diesen Roman bin ich durch eine Online Lesung des Literaturhaus München mit dem Autor Rainer Moritz. Der Titel und Klappentext haben mich sehr angesprochen. Auch fand ich den Autor bei seiner Lesung sehr sympathisch und Teilauszüge des Romans entsprachen genau meinem Gusto.

Am einprägsamsten war für mich der Schreibstil des Autors. Der ganze Roman kommt auf 200 Seiten komplett ohne Dialog aus, und das fand ich befremdlich, denn es hat funktioniert. Sehr gut sogar.

„Es gab ein Hier und Jetzt, mehr nicht, und dieses Hier und Jetzt liebte sie.“

S. 172

Der Schreibstil des Autors ist klar und unromantisiert. Pointiert auf die Geschichte. Nicht zu viel und nicht zu wenig erzählt Rainer Moritz über Lisa-Marie, die nur Lisa genannt wurde. Auch hier die Verknappung, welche sich durch den kompletten Roman zieht. Der Weg einer unabhängigen Frau, die auf den ersten Blick kühl wirken könnte. Ist es der nordische Charme der Protagonistin, die realistisch und abgeklärt über ihr Leben hinweggeht? Unnahbar. Und doch beschreibt der Autor sie in jedem ihrer Jahrzehnte genauso liebevoll, sensibel und reflektiert.

Die schönste Entwicklung war für mich die Symbiose des Verheirateten und ihr. Der Verheiratete bekam im Roman auch keinen Namen und ich empfand dies als schönes Stilmittel in der Geschichte. Moralisch gesehen natürlich ein Fiasko. Doch durch die Verschwiegenheit der Protagonistin erfährt davon niemand. Nur der Leser. Moritz verbietet sich hier die Moral, denn er lässt die Geschichte nur aus Sicht der Protagonistin geschehen, ohne mit dem Finger auf die Wunde der Verwerflichkeit zu legen.

Zeichnet der Autor das Leben einer einsamen Frau oder einer selbstbestimmten?

Bereits die Frage auf dem Klappentext lässt vermuten, dass ein Resümee über das Leben der Protagonistin gefordert ist. Als selbst unabhängige Frau frage ich mich, ob die Message am Schluss des Romans gelungen ist. Lisa lebte ihr Leben in Freiheit und ungebunden. Feste Partner und Karriere gaben ihr nichts. Dies hätte sie nur in ihrer Freiheit beraubt.

„Sie behielt ihre Freiheit, selbst wenn sie diese herzlich wenig nutzte.“

S. 135

Doch durch den Schicksalsschlag am Ende lässt der Autor Zweifel aufkommen, ob es nicht besser gewesen wäre, einen festen Partner zu haben, der einen unterstützt und begleitet. Doch für mich liest sich Lisa so, als wäre sie mit allem zufrieden gewesen. Selbst mit dem Ende.

„Die anderen schienen ständig an ihr Weiterkommen zu denken, an ein Woandersseinwollen. Sie nicht.“

S. 109

Absolute Leseempfehlung ! Auch werde ich mit Sicherheit mehr von Rainer Moritz lesen, der mir bis dato unbekannt war und das völlig zu unrecht, denn er hat schon viel gute Literatur geschrieben und ist ebenfalls Leiter des Literaturhauses Hamburg. Ebenso ist er Literaturkritiker und Übersetzer französischer Belletristik, wie zum Beispiel die Neuübersetzung von Bonjour Tristesse von Françoise Sagan

ISBN: 978-3311300014

Hardcover: 20€

EBook: 15,99€

Herausgeber : OKTOPUS bei Kampa; 1. Edition (25. Februar 2021)

Literaturhaus Hamburg

Literaturhaus München

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Buch & Schöpfer

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